Über Empathie und Zivilcourage

25 Jahre nach dem Mord an Süleyman Tasköprü bringt ein Whistleblower die Hamburger Innenbehörde in Verlegenheit

Der Berliner Rapper Apsilon erinnert mit seiner aktuellen Single „Sommermärchen“ an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im April 2006 ermordet wurden und tritt dem Trugbild der WM entgegen, „als die Welt zu Besuch bei Freunden“ war. Apsilon erzählt von dem Mitgefühl, dass sein Vater äußerte, als im Radio von einem weiteren „Dönermord“ die Rede war und wie stolz er als Neunjähriger über ein Trikot von Ballack war, dass Baba ihm zum Geburtstag schenkte. Apsilon verrät auch, wie ihn die Tochter eines der Ermordeten nach einem Konzert ansprach, ihm sagte, welche Kraft ihr seine Lieder geben und das ihn diese Begegnung zu dem Song inspiriert hat. Indem er gleichzeitig von der Mordserie erzählt, entlarvt er die Erzählung vom harmlosen Patriotismus als Märchen mit Gedächtnislücken. Die Kraft und Empathie, die in diesem Song zum Ausdruck kommen, stehen in einem eklatanten Widerspruch zur Selbstgefälligkeit, Tatenlosigkeit und Ignoranz, die deutsche Ermittlungsbehörden im NSU-Komplex bis heute an den Tag legen.

Auch wenn Polizistinnen und Polizisten nur im Tatort wahre Helden sind, gibt es doch einzelne Beamte, die Fehlverhalten, Dienstverstöße, Machtmissbrauch und institutionelle Missstände aufdecken und ein enormes persönliches Risiko in Kauf nehmen. Das gilt vermutlich auch für den Whistleblower, der dem Hamburger Bündnis gegen rechts Scans von Akten des Hamburger Landeskriminalamts (LKA), der Staatsanwaltschaft und der bundesweiten Ermittlergruppen im NSU-Komplex zuspielte, aus denen die taz kürzlich zitierte.

Demnach ignorierte die Hamburger Polizei nach der Ermordung von Süleyman Taşköprü am 27. Juni 2001 durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ganz bewusst Hinweise migrantischer Zeugen, die auf ein rechtes Tatmotiv hinwiesen. Kurz nach der Tat sagte der Vater des Mordopfers dem LKA, zwei junge Männer gesehen zu haben: groß, schlank, 25 bis 30 Jahre. Auf Nachfrage antwortete er, dass es „Deutsche“ waren. Die Ermittler gingen darauf nicht ein und ließen auch keine Phantombilder anfertigen, auch zwei Tage später nicht, als der Zeuge erneut auf die beiden Männer hinwies.

Dieser Hinweis tauchte in wichtige Berichte nie auf, weder in der Zusammenfassung an die Staatsanwaltschaft noch in Akten der bundesweiten Ermittlungsgruppe. Ganz anders die Aussage einer deutschen Zeugin, die drei Tage vor der Tat drei Türken im Laden von Süleyman Taşköprü gesehen haben wollte, die „auf sie aggressiv gewirkt“ hätten. Diese Aussage wurde zum Mantra in den Polizeiberichten. Die Ermittler ließen ein Phantombild von einem der Männer anfertigen, das später für die bundesweite Fahndung genutzt und an die Medien weitergegeben wurde.

In einem Bericht des Hamburger Senats von 2014 heißt es, die Ermittlungen seinen ergebnisoffen gewesen seien und ein rechtsextremes Motiv in Erwägung gezogen worden. Das ist durch diese Akten nun widerlegt. Die Ermittler fragten wie in allen Fällen immer nach Drogengeschäften oder politischen Konflikten innerhalb der Community. Auch wenn ein Zeuge auf ein mögliches rassistisches Tatmotiv hinwies, hieß es in der Akte: „keine Aussage von Substanz zum Motiv“. Als ein anderer Zeuge erklärte, die Morde könnten mit Ausländerhass zu tun haben, „vielleicht steht eine NPD-nahe Organisation oder etwas Ähnliches dahinter“, taten die Beamten den Hinweis in ihrer Zusammenfassung mit dem Satz ab, „Der Zeuge nennt drei nackte Theorien ohne konkreten Hintergrund.“

Bemerkenswert ist demgegenüber der Eifer der Hamburger Ermittler, mit dem sie jeden Verdacht auf einen „ausländerfeindlichen Hintergrund“ kleinredeten. So verfassten sie 2006 eine sechsseitige Einschätzung, wie ein TV-Spot für das türkische Fernsehen ausgestaltet werden sollte, den die bundesweite Ermittlungsgruppe „BOA-Bosporus“ in Auftrag gegeben hatte.

Zwar ist der institutionelle Rassismus im NSU-Komplex - die Täter-Opfer-Umkehr, der Ausschluss rassistischer Motive, die Vernichtung von Akten und die Finanzierung von V-Leuten - vielfach belegt. Vor dem Hintergrund des Konflikts um die Aufarbeitung des NSU-Mordes in der Hansestadt Hamburg erhält die Veröffentlichung dieser Aktenbestände eine unerwartete politische Brisanz. Statt mit einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA), hatte die Bürgerschaft nämlich mit rot-grüner Mehrheit beschlossen, die Ermordung Süleyman Taşköprüs wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Obwohl die Präsidentin des Landesparlaments Carola Veit (SPD) Anfang des Jahres angekündigt hatte, den Wissenschaftler*innen „vollumfängliche Akteneinsicht ganz wie ein Untersuchungsausschuss“, zu ermöglichen, verhinderte die Generalbundesanwaltschaft (GBA) eine Aufklärung und hielt die Akten unter Verschluss. Dank der Courage eines Whistleblowers könnte die Aufarbeitung der Ermittlungen im Fall Süleyman Taşköprü nun einen neuen Schub erhalten.

Das neue Album „Glanz Null“ von Apsilon erscheint am 24. Juli 2026.



Verfasst am Samstag, 27. Juni 2026