"Ibrahima Barry wurde am 6. Januar 2024 von der Polizei in Mülheim an der Ruhr getötet. Alle Polizist*innen, die daran beteiligt waren, wurden am 30. September 2026 durch das Landgericht Duisburg freigesprochen.
Was bleibt für eine Familie, nachdem so ein Urteil gesprochen wurde? Dardaye, Fatoumata, Harouna, die Schwester und Eltern von Ibrahima, sind nach Deutschland gekommen, weil sie erwartet hatten, das deutsche Gesetz würde dafür sorgen, dass ihrem Sohn Gerechtigkeit widerfährt. In den letzten Monaten haben sie gezeigt, wie groß die Kraft von Familien ist, wenn sie die Wahrheit darüber erfahren wollen, was ihren Geliebten passiert ist.
Es ist nicht das erste Mal, dass eine Familie die Arbeit machen muss, die eigentlich für Institutionen vorgesehen ist. Wir kennen es von viele anderen Fällen von tödlicher Polizeigewalt, wir kennen es aus Hanau, von der Keupstraße, wir kennen es aus der ganzen Welt.
Trotz allem war das Landesgericht Duisburg an Fakten einfach nicht interessiert. Dort herrschte von Anfang an eine eigene Geschichte davon, wer Ibrahima war. Es herrschte von Anfang an eine Vorstellung davon, was die Polizist*innen an dem Abend gemacht hatten. Die Fakten haben sie dafür also nicht gebraucht.
Die Justiz hatte die Erwartung, dass Ibrahimas Geschichte niemanden interessiert. Sie dachten, er würde einfach ein Akte sein, die man schnell zuklappen kann. Aber die Familie Barry ist hier. Das Gericht hat die starke Stimme der Familie Barry im Gericht und außerhalb des Gerichts gehört. Sie haben gehört, wie sie klar nach Wahrheit verlangen. Nach Anerkennung. Und die Familie bleibt dabei.
Das Urteil war leider nicht überraschend. Seit Ibrahimas Tod und dann im Gericht haben wir die Narrative gehört, die ihnen letztendlich zur Rechtfertigung dienten. Laut Gericht hätten die Polizist*innen in Notwehr gehandelt. Das ist, was sie immer bei tödlicher Polizeigewalt erzählen, um nicht anzuerkennen, dass die Polizei tötet. Sie haben immer wieder über die angebliche „Gefährlichkeit“ von Ibrahima gesprochen. Als ob Ibrahima, die Person, eine Waffe gewesen wäre.
Als ob Schwarz und Geflüchtet zu sein, eine Waffe wäre. So ging es um die Zähne von Ibrahima, die angeblich sehr gefährlich gewesen sein sollen. Oder sein Körperbau, der als „athletisch“ beschrieben wurde. Oder die angeblichen „unmenschlichen Kräfte“, die Ibrahima gehabt hätte. Aussagen, die bereits deutlich zeigen, dass sie Ibrahima nicht als Menschen gesehen haben.
Wir haben es immer gesagt, aber hier nochmal klar und deutlich: Nicht Ibrahima wurde angeklagt, sondern die Polizist*innen. Es geht nicht darum zu klären, wer die Person war und was Ibrahima gemacht hat, sondern darum, zu untersuchen, warum Polizeieinsätze mit dem Tod einer Person enden. Ibrahima ist kein Einzelfall. Es geht darum, dass das in Zukunft nicht wieder passiert.
Alles, was wir, der Solidaritätskreis, während des ganzen Gerichtsprozesses wollten, war, bei den Fakten zu bleiben. Es gibt 2 Bodycam-Aufnahmen. 2 Bodycam-Aufnahmen, die sekundengenau von Expert*innen in der Untersuchung von Fällen staatlicher Gewalt untersucht wurden. Forensis e.V. hat ein Computer-Modell gebaut, um die genauen Positionen der Polizist*innen zu untersuchen. Es wurden Ibrahimas Worte transkribiert.
Alles Dinge, die die angebliche Untersuchung der Polizei durch sich selbst nicht getan hat. Diese Beweise wurden vom Gericht abgelehnt. Das Gericht hat damit klar gesagt, dass sie den Tod von Ibrahima nicht untersuchen wollen.
Wir haben es aber gesehen. Und wie ein Anwältin der Familie Barry gesagt hat: „Es bleibt sichtbar“. Wir haben gesehen, wie die Polizei in Ibrahimas Zimmer mit vorgezogenem Taser stürmt, wie sie Ibrahima zweimal tasern, man hört, dass Ibrahima vor Schmerzen wimmert, nachdem er getasert wurde, man sieht, wie Ibrahima mit einem Taser geschlagen wird.
7 Minuten später werden Ibrahimas schon gefesselte Hände und Füße nochmals mit einem Kabelbinder hinter seinem Rücken zusammengebunden. Ibrahima hat die Polizist*innen in keinem Moment angegriffen. Er bittet um Hilfe, er sagt mehrmals „Bitte, bitte, ihr bringt mich um“. Er sagt auf Fula und Deutsch „Ihr habt mich umgebracht“.
Auf den Bodycam-Aufnahmen kann man sehen, wie eine Polizistin auf dem Rücken von Ibrahima kniet. Wie mehrere Polizist*innen zusätzlich Druck auf Ibrahimas Körper ausüben, während er für mehr als 12 Minuten in Bauchlage fixiert bleibt. Das Gericht hat argumentiert, die Polizist*innen hätten Ibrahima so lange in dieser Position gehalten, weil es um Notwehr gehe, weil Ibrahima sie attackiert hätte.
Wenn man aber die Fakten sieht, dann sieht man Ibrahima in keinem Moment auf die Polizist*innen zugehen, er läuft immer weg. Er versucht, sein Leben zu retten. Er sagt der Polizei, dass er am Sterben ist. Die Polizei unterhält sich währenddessen darüber, was der nächste bürokratische Schritt ist und sie lachen, als Ibrahimas Körper beginnt zu versagen.
Jetzt regen sich alle auf, dass man über Rassismus spricht. Wir wollen klar sagen, wir haben nie über die subjektiven mentalen Zustände der Polizist*innen gesprochen. Wir reden darüber, dass Ibrahima am 6. Januar 2024 eine Person in einer psychischen Ausnahmesituation war. Ibrahima hat an dem Abend Unterstützung gebraucht und damals und heute sehen alle Institutionen in Ibrahima nur eine Gefahr.
Es wurde vor Gericht gesagt, die Polizei wurde deswegen gerufen, weil Ibrahima geschrien hat. Er war alleine in seinem Zimmer, ihm ging es nicht gut. Niemand hat ihm geholfen. Seine Eltern fragen immer wieder: warum hat niemand mit ihm gesprochen?
Und warum ging es Ibrahima nicht gut? Wenn wir über Rassismus sprechen, sprechen wir auch darüber, wer sich in diesem Land frei bewegen darf, wer durch die Stadt gehen kann ohne die Sorge, von der Polizei angehalten zu werden; wir reden darüber, wer hier wohnen und arbeiten darf, welcher Aufenthaltstitel es zulässt, dass man psychologische Unterstützung bekommt; wir reden darüber, dass Menschen durch Fluchterfahrung traumatisiert werden und danach nicht die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
Ibrahima hatte seine Sozialarbeiterin und viele andere Institutionen immer wieder nach einer Arbeitserlaubnis gebeten, er hat gesagt, dass es ihm damit besser gehen würde. Ibrahima wollte aus dem Drogenkonsum raus, aber seine Duldung hat keine Therapie dafür vorgesehen. Ibrahima wurde schon lange vor Januar 2024 eine Zukunft verweigert.
Am 6. Januar 2024 hat die Polizei das vollzogen, was schon lange entschieden war: Er durfte in Deutschland nicht leben. Es geht um Ibrahima, aber es geht gleichzeitig um so viele andere Schwarze junge Menschen, so viele andere Geflüchtete Menschen, über die diese Gesellschaft schon lange entschieden hat, dass sie tot sind.
In diesem Narrativ hat das Gericht noch gesagt, dass Ibrahima zufälligerweise einen Herzinfarkt gehabt habe, den er nicht gemerkt hätte und noch weniger die Polizei. Deswegen sei sein Tod nicht die Schuld der Polizei gewesen. Nach dieser Logik können Menschen wie Ibrahima nie von der Polizei getötet werden, weil sie schon lange als tot gesehen werden. Ein Verteidiger der Polizei hat es sogar gewagt zu sagen, Ibrahima sei selbst schuld an seinem Tod, weil er es nach seiner Ankunft in Deutschland nicht geschafft habe, stabil zur werden.
Dieses rassistische Narrativ wurde auch dadurch bestätigt, dass die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer angefangen hat, indem sie unser Banner bei der Mahnwache zitiert hat, auf dem steht „All Cops are Borders“. Die Staatsanwaltschaft hat gesagt, dass sie diese Meinung vertritt: Die Polizist*innnen seien eben dazu da, um Grenzen zu setzen.
Mit diesem Urteil wird gesagt, dass Grenzen letztendlich töten und dass das zulässig ist.
Wir weigern uns in einer Gesellschaft zu leben, wo Menschen nicht frei entscheiden können, wo sie wohnen, wann sie rausgehen, wann sie schlafen, was sie essen, was sie sich wünschen können und was nicht. Uns ist in dieser Zeit noch klarer geworden, dass das, worum es eigentlich geht, größer ist, als das, was ein Gericht kann.
Uns geht es nicht nur darum, die Bedingungen abzuschaffen, die Ibrahimas Tod möglich gemacht haben.
Uns geht es auch darum, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass Menschen frei leben können.
Wir werden deswegen als radikal dargestellt. Wir fragen uns aber, was ist radikal daran, eine Familie, deren Sohn und Bruder von der Polizei in Deutschland getötet wurde, zu unterstützen?
Was ist radikal daran, zu sehen und hören, wie ein Menschen voller Angst um sein Leben kämpft und zu verstehen, dass er Schmerzen hat?
Was ist radikal daran zu fordern, dass ein Gericht und die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit machen?
Was ist radikal daran, die Wahrheit zu untersuchen? Oder sich dafür einzusetzen, dass das nie wieder passieren kann?
Was ist radikal daran, dafür sorgen zu wollen, dass Menschen am Leben bleiben können? Dass sie nicht in ihrem Zuhause verprügelt werden? Oder dass Regeln und „Standards“ für Polizist*innen gelten?
Zu sagen, dass die Fixierung in Bauchlage eine tödliche Praxis der Polizei ist, wie wir aus ganz viele anderen Fällen wissen, ist das Mindeste.
Wenn man sagen will, dass Leben zu schützen radikal sei, dann sind wir es. Wenn man aber damit sagen will, dass wir irgendwelche geheime Agenda hätten, was wir in der letzten Zeit in den Medien gelesen und im Gericht gehört haben, für die wir die Familie Barry ausnutzen würden, dann hat man nichts verstanden.
Das sagt nichts über uns aus, sondern vieles über ihren Rassismus. Wir kennen kaum Menschen, die so stark, so zärtlich, so liebevoll, so witzig und lebensfroh sind, wie die Familie Barry. Trotz allem. Was erwartet man, wenn man den Sohn und Bruder von jemanden tötet und es dann einfach keine Konsequenzen dafür gibt? Hat man erwartet, dass sie schweigen und einfach alles hinnehmen?
Bestimmt war das der Wunsch der Staatsanwaltschaft, als sie die Anklage über gefährliche Körperverletzung erhoben hat. Sie sagte, sie habe das nur gemacht, damit niemand denkt, man würde etwas verstecken. Es ist sehr gefährlich, wenn Präzedenz für die Rechtfertigung von tödlicher Polizeigewalt geschaffen wird. Man soll nicht mehr sagen können, Menschen werden von der Polizei getötet.
Jetzt geht es darum zu diskutieren, ob Menschen Schmerzen empfunden haben. Jetzt geht es nur um eine gefährliche Körperverletzung. Auch wenn sie am Ende tot sind. Früher war es verboten „Mord“ zu sagen, wenn jemand in einer Polizeizelle verbrannt wurde; jetzt wollen sie uns verbieten von Tötung zu sprechen, wenn jemand von der Polizei zu Tode fixiert wird.
Diese Entwicklung heißt Faschismus. Sie wollen uns verbieten von Rassismus zu sprechen, wenn eine Person nicht wie eine Person wahrgenommen wird, oder Fakten nicht wahrgenommen werden. Jeder Schritt in diese Richtung betrifft nicht nur jedes einzelne Opfer von Polizeigewalt, sondern alle vergangenen und zukünftigen. Es ist soziale Verantwortung, für die Anerkennung der Wahrheit zu kämpfen. Für Konsequenzen. Und wie Dardaye Barry gesagt hat: „Wir alle tragen, jeder an seinem Platz, einen Teil dieser Verantwortung. Deshalb dürfen wir nicht schweigen. Wir müssen gemeinsam weiter nach Gerechtigkeit, Würde und Verantwortung streben.“
Wir bleiben dabei. Nicht wegen einer geheimen Agenda, sondern weil die Familie Barry sich das wünscht. Sie wünschen sich, in Revision zu gehen. Was sie sich aber auch wünschen, ist, dass keine andere Familie, das erleben muss, was sie erleben. Deswegen bleiben wir auch dabei. Wir kämpfen weiter, für Oury, für Mouhamed, für Ante P., für Pedro, für Lorenz, für Nejib, für Christy, für Qabel, für Yacouba, für George Flyod – für Ibrahima, für seine Familie, für alle Opfer von rassistischer Polizeigewalt.
Justice for Ibrahima!
Kein Vergeben.
Kein Vergessen."
Anmerkung: Wir freuen uns, den Redebeitrag des Solikreises vom 10. Oktober 2026 zu veröffentlichen. Der Solikreis selbst hat aktuell keine Möglichkeit, Beiträge zu veröffentlichen, denn seine Webseite existiert nicht mehr. Sie wurde abgeschaltet, wie tausende andere Webseiten, weil sie auf Noblogs gehostet wurden, dessen Betreiber, das Kollektiv Autistici/Inventati, auf eine weltweite Terrorliste gesetzt wurde. Mehr Infos:
digitalcourage.de/blog/2026/eu-kuscht-vor-trump