Betroffene, Initiativen, Vereine und Institutionen laden am Jahrestag des NSU-Anschlags zum Gedenken ein und bieten ein umfangreiches Programm auf der Keupstraße.
Am 9. Juni 2004 explodierte in der Keupstraße in Köln-Mülheim eine Nagelbombe. Zahlreiche Menschen wurden verletzt, einige schwer. Die Betroffenen leiden bis heute unter den Folgen. Obwohl Zeugenaussagen und die Art der Bombe (ein mit Nägeln gefüllter Sprengsatz) sowie der Tatort (eine belebte Geschäftsstraße) einen Terrorakt nahelegten, schloss der damalige Innenminister Otto Schily ein rechtsterroristisches Motiv bereits Stunden nach der Tat aus. Statt der rechten Szene gerieten die Betroffenen ins Visier der Ermittler. Diese Täter-Opfer-Umkehr zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des rechten Terrors in der Bundesrepublik. Betroffene von der Keupstraße bezeichnen diese entwürdigende Polizeipraxis als „Bombe nach der Bombe“.
Bereits nach der Selbstenttarnung des NSU 2011 wurde in Köln die Forderung nach einem Gedenkort in direkter Nachbarschaft zur Keupstraße laut. Ein Jahr später beschloss der Rat der Stadt, ein Denkmal zu errichten und lobte ein künstlerisches Wettbewerbsverfahren zur Findung eines geeigneten Entwurfs aus. Schließlich einigte sich die Jury, darunter auch Bewohnerinnen der Keupstraße, Betroffene der Bombenanschläge und Stadtteilinitiativen, einvernehmlich auf den Entwurf des Berliner Künstlers Ulf Aminde für einen interaktiven Gedenkort, der an der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße entstehen soll. Doch was so hoffungsvoll begann, geriet bald ins Stocken, die Eigentümer blockieren die Umsetzung des Mahnmals und lassen das Gelände bis heute brach liegen. Mit dem lapidaren Verweis, die Stadtverwaltung habe gegenüber den privaten Eigentümern keine Handlungsmöglichkeiten, stehlen sich die Kölner Politikerinnen aus der Verantwortung. So dauerte es weitere sechs Jahre, bis der Rat der Stadt im November 2021 unter dem Eindruck öffentlicher Proteste die Errichtung des Mahnmals am gewünschten Ort beschloss und das NS-Dokumentationszentrum damit beauftragte, gemeinsam mit Betroffenen, Initiativen und dem Künstler das Vorhaben umzusetzen. Doch bis heute tut sich nichts. Deshalb haben am 18. April Betroffene des Nagelbombenanschlags, unterstützt von Überlebenden des Anschlags in der Platenstraße, sowie solidarischen Initiativen und Personen, eine kraftvolle künstlerische Intervention am Ort des geplanten Mahnmals gesetzt. Auf einem 5x10 Meter großen Banner prangt nun unser Banner: „Wo bleibt das Mahnmal?“
Wie wichtig ein solcher Gedenkort ist, zeigt die aktuelle Dimension rechter Gewalt und das beharrliche Leugnen, Vertuschen und Verharmlosen politisch rechter, rassistischer und antisemitischer Tatmotive durch die Ermittlungsbehörden. Statt die Beratung von Opfern rechter Gewalt abzusichern und Bildungs-, Kultur- und Sozialprojekte zu stärken, streichen Bund, Länder und Gemeinden massiv Förderprogramme und stärken durch diesen Kahlschlag langfristig die rechtsextremen Kräfte. Doch Betroffene und Initiativen lassen sich nicht mundtot machen. Kommt am Jahrestag auf die Keupstraße, kämpfen wir gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft!